Wieviel Ich braucht ein Team?
In den letzten Wochen ist mir eins klar geworden: Für wirklich gutes Teamwork braucht es vor allem eine ordentliche Portion Mut. Mut sich so zu zeigen, wie man selbst ist. Die Frage mit der wir uns in dieser Ausgabe beschäftigen wollen lautet daher: Wieviel “Ich” braucht mein Team und traue ich mich, authentisch zu sein?
Sowohl im IHK-Seminar als auch im Culture Cube Leadership Programm habe ich vergangene Woche darüber gesprochen, wie aus einer beliebigen Gruppe Menschen ein eingeschworenes Team wird. Klar stehen hier Modelle wie die Teamphasen nach Tuckman oder auch die Rollen nach Belbin auf der Liste. Die Modelle und Kernaussagen sind auch nicht falsch – und dennoch verschob sich mein Fokus durch ein Telefonat mit einer ehemaligen Kundin und ein Gespräch mit meinem Sohn. Ich erzähle euch von den beiden Momenten:
Die ehemalige Kundin hat vor wenigen Jahren einen neuen Job übernommen. Sie arbeitet seitdem mit einem Team zusammen, das bereits seit mehr als 15 Jahren besteht. Den “Neuling”-Status hält sie bis heute inne. Durch ihre verschiedenen Positionen zuvor, hat sie ein gutes Gespür für Menschen und Konflikte. Sie sieht die Themen, Gefühle und Spannungen. Teilweise konnte sie die Themen platzieren – angenommen hat sie allerdings keiner. Du kennst sicher den Spruch: Da steht ein Elefant im Raum. So ist es auch hier: Mitten im Großraumbüro steht ein riesiger Elefant. Alle wissen, dass er da ist aber alle versuchen ihn zu ignorieren. Der Elefant wurde vor 15 Jahren geboren und wächst seitdem pausenlos. Mittlerweile nimmt er sehr viel Platz ein und passt nicht mehr unter den Teppich. Im Resultat arbeitet das Team oberflächlich gut zusammen und irgendwie scheinen sie ihre Ziele zu erreichen. Unter der Oberfläche allerdings brodelt es gewaltig. Die Krankenrate ist außergewöhnlich hoch. Und dennoch will niemand genau hinschauen. Stattdessen wird der Elefant weiterhin brav gefüttert und je größer er wird, desto mehr Futter verlangt er. Ich glaube, du erkennst den Teufelskreis, oder?
Nun gut – ich möchte dir noch von dem Gespräch mit meinem Sohn berichten. Er besucht aktuell die 5. Schulklasse und kam im Sommer letzten Jahres in einen bestehenden Klassenverband. Er klagte darüber, dass er sich manchmal gut angenommen fühlt und manchmal eher schlecht. Diese unterschiedlichen Phasen und Verhaltensweisen der anderen Kinder verunsichern ihn und er hat Angst, etwas falsch zu machen. Er hat Angst davor, dass er keine Freundschaften aufbauen wird, weil die anderen Kinder ihn nicht mögen. Der Wunsch nach Zugehörigkeit führt dazu, dass er manchmal Dinge sagt oder tut, von denen er selbst eigentlich gar nicht hundertprozentig überzeugt ist.
Weder meine ehemalige Kundin, noch mein Sohn können sich angstfrei und authentisch in das Team bzw. den Klassenverband integrieren. Beide wünschen sich, dass sie mit ihren Sorgen, Ängsten, Talenten und Fähigkeiten geschätzt werden. Beide wollen sich einbringen und ein wichtiger Teil für die Gemeinschaft sein.
Und plötzlich war es so offensichtlich – nur das Gefühl der Zugehörigkeit macht aus einer Gruppe ein echtes Team. Dieses Gefühl entsteht, wenn wir uns authentisch einbringen können. Was die Beispiele auch zeigen: Manchmal ist der Rahmen für Authentizität nicht gegeben. Das Gefühl von echter Zugehörigkeit bleibt eine Momentaufnahme. Und das schafft die hohe Verunsicherung. Sich jeden Tag erneut fragen zu müssen “Wird mein Team mir heute wohlgesonnen sein – oder nicht?” kostet wertvolle Kraft.
Das Ziel als Führungskraft muss es meiner Meinung nach sein, den Rahmen für authentische Wirksamkeit zu gestalten. Und zwar permanent. Jeden Tag.
Um die Teamdynamik zu verstehen, helfen die beiden erwähnten Modelle dennoch gut:
Zwei Modelle für Teamwork.
Die Teamrollen nach Belbin:
Jede Person übernimmt unabhängig von der eigentlichen Hauptaufgabe eine Rolle im Team. Das Modell definiert neun Rollen, die sich in wissens-, handlungs- und kommunikationsorientierte Kategorien einteilen lassen. Ein erfolgreiches Team basiert dabei weniger auf der reinen Summe von Expertise, sondern vielmehr auf einer ausgewogenen Mischung unterschiedlicher Verhaltensweisen. Jede Rolle bringt Stärken und Schwächen mit, so dass bei Konflikten eine neutrale Moderation notwendig sein kann. Hier siehst du eine kurze Übersicht der Rollen:

Die Teamphasen nach Tuckman:
Das Model besagt, dass jedes Team fünf unterschiedliche Phasen in der gemeinsamen Entwicklung durchläuft. Erst mit der vierten Phase sind sie wirklich zusammengewachsen. Die fünf Phasen nach Tuckman werden immer wieder neu begonnen oder verlaufen sogar parallel, sofern sich die Teamzusammenstellung auch nur minimal verändert.

Die beiden Modelle helfen, die Teamdynamik und ihre Schwankungen zu verstehen. Für sich alleinstehend helfen sie allerdings nicht, das Gefühl von Zugehörigkeit zu entwickeln.
Kultiviere das Gefühl von Zugehörigkeit.
Meine persönliche berufliche Karriere startete als Hotel-Azubildene in einem großen, renommierten Haus in Berlin. Mit zarten 17 Jahren machte ich mein Abi und begann danach meine Ausbildung. Bereits mit 26 Jahren bekam ich den Posten zur Direktion angeboten. Ich nahm die Stelle an und eröffnete also ein neues Boardinghaus in Berlin – Services Appartments für Langzeitgäste. Das war nicht nur ein unbekanntes Gästeklientel – ich war zudem auch das erste Mal selbst Führungskraft. Ich stellte schnell fest, dass ich die Menschen, die in dem Haus arbeiteten vernetzen muss, so dass sie auch ohne mich Entscheidungen treffen konnten und sich ebenso viel engagieren wie ich auch. Ich lernte, dass ich meine eigene Passion und mein eigenes Commitment nicht automatisch von anderen erwarten kann und ich lernte auch, dass eine Gruppe nicht funktioniert, wenn sie nicht das Gefühl bekommt, dass alle dazugehören. Egal in welcher Schicht sie arbeiten und egal in welcher Abteilung. Mit anderen Worten: Ich musste erreichen, dass mein Team das Gefühl bekommt, beruflich endlich angekommen zu sein. Das ist nicht so leicht, da sich einige im Prinzip nur zu den Schichtübergaben wirklich gesehen haben. In der kurzen Zeit war wenig Raum für sozialen Austausch. Mit meinem heutigen Wissen und den Erfahrungen, die ich seitdem gemacht habe, würde ich einiges anders machen. Heute kenne ich zum Beispiel die 5 Dysfunktionen im Team und kann Konflikte erkennen. Das ist die Grundlage, um sie zu lösen.
Fünf Dysfunktionen
im Team.
Gute Führungskräfte brauchen also mehr als nur gute Theorien und etwas Einfühlungsvermögen. Sie brauchen emotionale und soziale Intelligenz, eine gewisse kognitive Intelligenz und die Fähigkeit, sich an Veränderungen anzupassen.
Und was bedeutet das jetzt genau? Ich zeige es dir:

Fehlendes Vertrauen.
Sobald Teammitglieder Fehler und Schwächen verstecken ist das ein deutlicher Hilfeschrei. Es mangelt ihnen an Vertrauen gegenüber der Führungskraft oder generell im Team. Erinnerst du dich an meine ehemalige Kundin, von der ich dir eingangs berichtet habe? Der riesige Elefant ist entstanden, weil kein oder zu wenig Vertrauen herrschte, um offen über die Konflikte zu sprechen.
Die Lösung kann hier nur sein, als Vorbild voranzugehen und einen sicheren Raum für persönliche Geschichten und gemeinsame Reflexion zu schaffen – am besten beginnt das bei der Führungskraft. Hilfreiche Tools sind dabei Persönlichkeitsprofile wie Big Five oder Vertrauensübungen.
Angst vor Konflikten.
Harmonie über alles? Bloß keinen Streit anzetteln?
Jein!
Ich musste es auch erst begreifen, aber: Harmonie ist nicht die Abwesenheit von Auseinandersetzungen.
Harmonie bedeutet, Meinungen und Perspektiven einen Platz zu geben, indem sie respektvoll und auf Augenhöhe werden.
Nur auf diese Art und Weise kann echte Harmonie entstehen. Ansonsten hast du oberflächliche Harmonie, aber nur solange weiterhin alle Teammitglieder ihre Bedenken unter den Teppich kehren.
Wenn Teams vor Konflikten zurückschrecken, zeigt sich das meist in unterschwelligen Spannungen und oberflächlichen Meetings. Manchmal siehst du noch ein ironisches Augenrollen. Im schlimmsten Fall übernimmt keine Person die Verantwortung für ihren Job, alle lassen sich ihre Aufgaben von dir diktieren und du als Führungskraft bist das Bottle-Neck.
Ein tolles “Erste-Hilfe” Tool ist das Spannungsboard. Sammelt Spannungen und Konflikte an diesem Board und überlegt dann gemeinsam, wie und wann sie besprochen und moderiert werden. Etabliere für und mit deinem Team eine gesunde Konfliktkultur. Achtung: Dieser Punkt geht auch immer mit fehlendem Vertrauen einher. Erwarte nicht, dass die Konflikte geklärt werden, nur weil sie einmal aufgeschrieben sind. Stelle eine vertrauensvolle Umgebung her, in der sich alle sicher fühlen, in den Konflikt zu gehen.
Wenig bis kein Pflichtbewusstsein.
Kennst du das? Im Meeting braucht es eine gemeinsame Entscheidung und irgendwie brennt nur eine Person dafür? Alle anderen nicken fast anteilnahmslos. Sie stimmen zwar zu, aber instinktiv weißt du, dass sie nicht in die Umsetzung gehen werden. Das ist ein häufiges Symptom von fehlendem Engagement. Es zeigt sich darin, dass Entscheidungen unklar oder ohne echte Unterstützung getroffen werden. Erst als ich begann, das zurückhaltende Verhalten der anderen zu hinterfragen, wurde es besser. Ich habe alle einzeln angesprochen und einen Rahmen etabliert, in dem die Menschen Vertrauen aufbauen konnten. Walk & Talks sind wahre Schätze in dem Zusammenhang. Ich wollte herausfinden, warum es den anderen scheinbar egal ist, wie es mit der aktuellen Herausforderung weitergeht. Die Wertschätzung für ihre Stimme und das Einfordern einer Sichtweise halten, dass gemeinsames Engagement wieder herstellen konnten.
Ein persönlicher Praxistipp: Die gewonnenen Erkenntnisse aus den Walk & Talks zusammen mit den verabredeten Zuständigkeiten können in die WWW-Liste (Wer macht Was bis Wann?) übertragen werden. Eine solche Liste fördert das individuelle Pflichtbewusstsein, weil es nur eine Person gibt, die als Verantwortliche eingetragen ist. Sie vermeidet also Zweideutigkeiten in der Aufgabenzuteilung.
Zurückhalten der Verantwortung.
In dem Gespräch mit meiner ehemaligen Kundin war eines ganz präsent: sie macht zwar ihren Job klasse, aber kann sich selbst und ihr Potenzial nicht hundertprozentig ausleben, da niemand über Probleme oder Leistungsdefizite sprechen möchte – weder Führungskräfte noch Kolleg:innen untereinander. Sie leidet unter den Spannungen und kann es allein nicht schaffen, diese abzubauen. Statt gemeinsam zu lernen und zu wachsen, heißt es “Damit habe ich nichts zu tun. Das ist nicht meine Abteilung.”
Verantwortung zu übernehmen heißt aber auch, über den Tellerrand hinauszublicken- die Gruppe als Peer-Coaches oder Sparringspartner zu verstehen. Die gesamte Belegschaft muss verstehen, dass ein Unternehmen nur so erfolgreich ist, wie die schwächste Abteilung. Statt sich nur auf die eigenen vier Wände zu konzentrieren, kann durch Kollaboration echte Entwicklung auf allen Ebenen geschehen.
Um das Team mehr in die eigene Verantwortung zu bringen, sollten Standards oder auch Rollen und Positionen klar definiert werden, an denen sich alle orientieren können.
Kein Gruppenziel.
Wenn persönliche Ziele und Status wichtiger werden als der gemeinsame Erfolg, leidet das gesamte Team. Um echte Zugehörigkeit zu kultivieren, braucht es den Teamgedanken, der in den Vordergrund gerückt wird. Mache Teamziele transparent und messbar, feiere gemeinsame Erfolge und nutze Tools wie sichtbare KPIs oder OKRs. Es hilft auch ein „Team-Moment der Woche“ zu teilen, um den Fokus auf kollektive Leistungen zu lenken.
Führe dein Team bewusst in das Gefühl der Zugehörigkeit.
Ein starkes Team zu führen bedeutet,
bewusst in die unsichtbaren
Spannungsfelder hineinzuhören. Jeder dieser fünf Punkte ist ein Hebel
zur Transformation, wenn du ihn erkennst und beherzt
bearbeitest.
Der Culture Cube Canvas, um Zugehörigkeit zu entwickeln.
Psychologische Sicherheit ist das zentrale Element, dass es braucht, um die Herausforderungen anzusprechen, die dich bewegen. Ob es nun Konflikte sind oder kritische Fragen – ohne psychologische Sicherheit, verstummen wir.
Die psychologische Sicherheit sorgt dafür, dass wir schwere Gespräche führen, weil wir darauf vertrauen, dass uns keine negativen Konsequenzen drohen (z. B. Abmahnungen, Kündigungen, Versetzungen). Der Mensch ist ein emotionales Wesen und braucht den sicheren Raum, um mit Emotionen umzugehen – sowohl privat als auch beruflich. Alleine an meinen beiden Beispielen siehst du, dass Gefühle teilweise unterdrückt werden, weil jemand Angst hat, sie würden keinen Platz haben. Dabei sind es genau diese Emotionen, die uns antreiben, kreativ werden lassen und uns helfen, echte Verbindungen zu anderen Menschen aufzubauen.
Der Culture Cube Canvas hilft dir und deinem Team, in die Umsetzung zu kommen. Er legt den Fokus darauf, den entsprechenden Rahmen zu bilden, um dich als Person mutig und authentisch in das Team einzubringen. Damit bereicherst du dich und dein Umfeld langfristig.